Wie kreative Bewegung das Gehirn unterstützt: Was eine aktuelle Studie zu Tanz und Gehirnalterung zeigt

Kreative Tätigkeiten wirken nicht nur nach außen, sondern spiegeln sich auch in der Funktionsweise des Gehirns wider. Eine internationale Studie in *Nature Communications* zeigt, dass Menschen mit intensiver kreativer Praxis über ein „jünger wirkendes“ Gehirnprofil verfügen als vergleichbare Personen ohne entsprechende Expertise (Coronel-Oliveros et al., 2025).
Der folgende Artikel fasst zentrale Ergebnisse zusammen und erläutert, wie diese Befunde mit dem Ansatz von groove2grow im schulischen Alltag verknüpft werden können.
In diesem Artikel:
1. Kreative Erfahrungen und „Brain Age Gap“ →
2. Tanz, Gehirnnetzwerke und Alterung →
3. Übungsumfang und Intensität der Effekte →
4. Warum Tanz im Bildungskontext besonders vielversprechend ist →
5. groove2grow als didaktische Umsetzung →
6. Bedeutung für Schulen und nachhaltige Bildung →
Literatur →
1. Kreative Erfahrungen und „Brain Age Gap“
Die Studie von Coronel-Oliveros et al. (2025) untersuchte 1.472 Erwachsene aus 13 Ländern und nutzte maschinelles Lernen auf Basis von M/EEG-Daten, um das biologische „Gehirnalter“ zu schätzen. Aus der Differenz zwischen vorhergesagtem Gehirnalter und chronologischem Alter wurde ein sogenannter Brain Age Gap (BAG) berechnet (Coronel-Oliveros et al., 2025). Ein negativer BAG bedeutet dabei, dass das Gehirn jünger erscheint, als es dem tatsächlichen Alter entspricht.
Verglichen wurden Personen mit hoher Expertise in unterschiedlichen kreativen Bereichen – unter anderem Tanz, Musik, bildender Kunst und strategischem Gaming – mit Kontrollgruppen ohne entsprechende Spezialisierung (Coronel-Oliveros et al., 2025). In allen Expert:innengruppen zeigte sich ein im Mittel niedrigeres biologisches Gehirnalter; bei Tänzer:innen lag die Abweichung im Bereich von mehreren Jahren, ähnlich ausgeprägt auch bei Musiker:innen und bildenden Künstler:innen (Coronel-Oliveros et al., 2025). Diese Daten sprechen dafür, dass anhaltende kreative Praxis mit günstigeren Gehirnalterungsprofilen verbunden ist, ohne dass damit bereits eine eindeutige Kausalrichtung bewiesen wäre.
2. Tanz, Gehirnnetzwerke und Alterung
Die Autor:innen berichten, dass die beobachteten Effekte vor allem in Netzwerken auftreten, die für kognitive Kontrolle, sensorimotorische Integration und Aufmerksamkeit bedeutsam sind (Coronel-Oliveros et al., 2025). Dazu gehören insbesondere frontoparietale und weitere höher geordnete Areale, die als besonders anfällig für altersbedingte Veränderungen gelten (Coronel-Oliveros et al., 2025).

Kreative Expert:innen wiesen in diesen Regionen Muster auf, die auf effizientere Informationsverarbeitung und angepasste Konnektivität hindeuten (Coronel-Oliveros et al., 2025). Für Tanz ist diese Interpretation plausibel, weil er motorische Kontrolle, Rhythmus, räumliche Orientierung, visuelle Wahrnehmung und Aufmerksamkeitssteuerung in hochgradig integrierter Form fordert. Andere Forschungsarbeiten zu Tanzinterventionen berichten ebenfalls von positiven Effekten auf Hirnstruktur und -funktion, insbesondere bei älteren Erwachsenen (z. B. systematische Übersichten in der neurokognitiven Tanzforschung).
3. Übungsumfang und Intensität der Effekte
In der Studie zeigten Personen mit langjähriger, intensiver kreativer Praxis deutlichere Abweichungen hin zu einem „jüngeren“ Gehirnprofil als Personen mit geringerer Erfahrung (Coronel-Oliveros et al., 2025). Parallel dazu wurden in Interventionsdaten Hinweise gefunden, dass sich auch über kürzere Trainingszeiträume messbare Veränderungen in Leistungsmaßen wie Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit ergeben können (Coronel-Oliveros et al., 2025).
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass solche Befunde sowohl durch Trainingseffekte als auch durch Selbstselektion beeinflusst sein können: Menschen mit bestimmten neurokognitiven Voraussetzungen sind möglicherweise eher bereit oder in der Lage, über Jahre hinweg intensiv kreativ aktiv zu sein. Daraus folgt für die Praxis, dass regelmäßige, auch kurze Einheiten sinnvoll erscheinen, zugleich aber weitere Langzeitstudien nötig sind, um Kausalzusammenhänge präziser zu klären.

4. Warum Tanz im Bildungskontext besonders vielversprechend ist
Die Studie legt nahe, dass all jene kreativen Aktivitäten, die Bewegung, rhythmische Strukturierung, Imagination und soziale Interaktion verbinden, besonders deutlich mit einem geringeren Brain Age Gap assoziiert sind (Coronel-Oliveros et al., 2025). Tanz bündelt diese Komponenten in einzigartiger Weise: Ganzkörperbewegung aktiviert weitreichende motorische Netzwerke, Musik spricht rhythmische und emotionale Systeme an, und kreative Gestaltung fordert flexible, adaptive Denkprozesse heraus.
Für den schulischen Kontext kommt hinzu, dass Tanz sozial eingebettet ist und damit Selbstwahrnehmung, Emotionsregulation und Beziehungsfähigkeit anspricht. Aus pädagogischer Perspektive lassen sich diese neurokognitiven Potenziale nutzen, indem Tanz und bewegungsbasierte Kreativangebote systematisch in den Unterricht integriert werden – nicht als „Zusatz“, sondern als regulärer Bestandteil von Lernsettings, die Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Wohlbefinden adressieren.

5. groove2grow als didaktische Umsetzung
groove2grow knüpft an diese Befunde an, indem es kurze, strukturierte Bewegungseinheiten mit musikalischen, kreativen und sozialen Elementen kombiniert. Die folgenden Zuordnungen sind als pädagogische Übersetzung der Forschungsergebnisse zu verstehen:
– Stärkung frontoparietaler und attentionaler Netzwerke → motorisch-rhythmische Basisbewegungen mit klaren Aufmerksamkeitsfokussen
– Höhere Effizienz in der Verarbeitung → Schrittsequenzen und Bewegungsmuster, die sukzessive variiert und kombiniert werden
– Verbesserte Aufmerksamkeit und Reaktionsleistungen → kurze, klar gerahmte Übungsblöcke mit unmittelbarem Feedback
– Positive Effekte bereits nach überschaubaren Trainingszeiträumen → regelmäßige Einbindung von 3–5‑minütigen Bewegungspausen in Unterrichtsabläufe
– Starker Einfluss kreativer Freiheit → Phasen freier Tanzgestaltung und kindgerechter Improvisation, in denen individuelle Ideen und Ausdrucksformen im Vordergrund stehen
Diese Umsetzung versteht sich als anwendungsorientierte Ergänzung zur Grundlagenforschung: Sie überträgt die in der Studie beschriebenen Mechanismen auf den Alltag von Schulen, ohne zu behaupten, dass groove2grow selbst Gegenstand der Nature-Studie gewesen wäre.

6. Bedeutung für Schulen und nachhaltige Bildung
Die Ergebnisse von Coronel-Oliveros et al. (2025) unterstützen die Sichtweise, dass kreative Aktivitäten einen relevanten Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Gehirngesundheit leisten können. Für Schulen bedeutet dies, dass Tanz und andere Formen kreativer Bewegung gezielt genutzt werden können, um kognitive Leistungsfähigkeit, Aufmerksamkeitssteuerung, exekutive Funktionen sowie soziale und emotionale Entwicklung zu fördern.
Damit decken sich die neurowissenschaftlichen Hinweise mit praktischen Erfahrungen aus Programmen wie groove2grow: Kinder profitieren, wenn sie regelmäßig Möglichkeiten erhalten, sich bewegungsbasiert, musikalisch und kreativ auszudrücken. Entscheidend ist eine kontinuierliche, gut eingebettete Umsetzung im Unterricht – nicht der gelegentliche Projekttag.
Literatur
Coronel-Oliveros, C., Migeot, J., Lehue, F., Amoruso, L., Kowalczyk-Grębska, N., Jakubowska, N., Mandke, K. N., Pereira Seabra, J., Orio, P., Campbell, D., Gonzalez-Gomez, R., Prado, P., Cuadros, J., Tagliazucchi, E., Cruzat, J., Legaz, A., Medel, V., Hernandez, H., Fittipaldi, S., … Ibanez, A. (2025). Creative experiences and brain clocks. *Nature Communications, 16*, 8336. https://doi.org/10.1038/s41467-025-64173-9
